9/29/2016

Die Krise der russischen Wirtschaft spitzt sich zu.


Die Krise der russischen Wirtschaft spitzt sich zu. Verzweifelt kämpft die Notenbank gegen die Abwertung des Rubels – erfolglos. Wie gefährlich ist der Absturz?


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Es wirkt wie eine Verzweiflungstat: Mitten in der Nacht zum Dienstag gibt die russische Zentralbank bekannt, den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent zu erhöhen. Es ist der jüngste und radikalste Versuch, die Kapitalflucht aus Russland zu beenden und damit eine weitere Abwertung des Rubels zu stoppen.
Seit Monaten sinkt der Wert der russischen Währung immer tiefer: Ende 2013 erhielt man für einen Euro noch 45 Rubel. Am Dienstagnachmittag waren es bereits zeitweise mehr als 100 Rubel. Im Vergleich zum Jahresanfang hat die russische Währung gegenüber dem Euro bereits rund 60 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Ähnlich dramatisch verläuft auch die Entwicklung zum amerikanischen Dollar.

Im November gab die Notenbank bereits die Bindung des Rubels an Dollar und Euro auf. Zuvor hatte sie mit Interventionen am Devisenmarkt versucht, den Kurs zu stabilisieren – mit 350 Millionen Dollar pro Tag. Eine Maßnahme, die auf Dauer einfach zu teuer wurde. Sogar ihre Unabhängigkeit, einer der wichtigsten Werte für eine glaubwürdige Geld- und Währungspolitik, gibt die Nationalbank nun auf. Sie sei zu einem abgestimmten Handeln mit dem Kreml bereit, sagte Notenbankchefin Elwira Nabiullina am Dienstagmorgen dem russischen Sender Rossija-24.

Die Gründe für den Währungsverfall sind offensichtlich: Die Ukraine-Krise und der sinkende Ölpreis. Die USA und die EU haben seit dem Frühjahr zahlreiche Sanktionen gegen Russland wegen des Vorgehens in der Ukraine verhängt; anfangs gegen Einzelpersonen, inzwischen auch gegen Unternehmen und Banken. Der US-Kongress bereitet gerade weitere Strafen gegen die russische Verteidigungs- und Energieindustrie vor. Diese Entwicklungen verunsichern Investoren und das wirkt sich direkt auf die russische Währung aus.

Auch der Ölpreis und der Wechselkurs stehen in engem Zusammenhang: Russlands Wirtschaft ist stark von Öl- und Gasexporten abhängig. Wie die Grafik unten zeigt, hat sich der Ölpreis seit Anfang 2013 mehr als halbiert. Aktuell liegt der Preis für ein Fass Brent-Öl bei nur 58 Dollar. Für Moskau eine gefährliche Entwicklung: Die Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten machen rund die Hälfte aller Einnahmen des Staates aus.  

Für den Staatshaushalt selbst hat der fallende Ölpreis allerdings kaum Folgen. Denn dort spielt der Wechselkurs eine wichtigere Rolle. Schließlich wird Öl weltweit in Dollar gehandelt. Durch die Abwertung des Rubels kann der Staat sogar die Verluste kompensieren, die er durch den sinkenden Dollar-Ölpreis hinnehmen muss. "Die Russen bekommen trotz des niedrigen Ölpreises mehr Rubel für ein Fass Öl", sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank. Die Commerzbank kommt in einer Analyse zu dem Schluss, dass die Abwertung des Rubels um einen Prozentpunkt gegenüber dem US-Dollar die gleiche Wirkung auf den Haushalt hat, wie ein Rückgang des Ölpreises um einen Dollar pro Barrel.
Doch natürlich hat der schwache Rubel Folgen für Russlands Privatwirtschaft. Schließlich beeinflusst er die Importbilanz: Waren aus dem Ausland werden in Euro oder Dollar bezahlt. Dringend benötigte Importe etwa von Maschinen und anderen Ausrüstungsgütern werden deutlich teurer. "In der Summe wirkt die Abwertung stark negativ auf die russische Wirtschaft", sagt Joachim Zweynert, Professor für politische Ökonomie an der Universität Witten/Herdecke.  
Es gibt aber auch einen gegenläufigen Effekt, zumindest rechnerisch. Ein schwacher Rubel belebt die Binnenwirtschaft. Russische Produkte werden im Vergleich zu Importen günstiger. Das mag in der Theorie positiv sein, jedoch gibt es ein entscheidendes Problem. "Die russischen Waren sind von der Qualität her einfach viel schlechter", sagt Zweynert. Er verweist etwa auf die Automobilbranche, in der russische Marken kaum mit westlichen Produkten mithalten könnten.  
Für das russische Wirtschaftswachstum sind die Entwicklungen in der Summe daher fatal. Im dritten Quartal 2014 wuchs die Wirtschaft nur um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie die Grafik oben zeigt. Vor zwei Jahren waren es noch mehr als fünf Prozent. "Mittlerweile befindet sich das Land wieder in einem Zustand wie zu Zeiten Breschnews. Es herrscht Stillstand, für private Unternehmer wird es im Land immer schwieriger", sagt Zweynert. Leonid Breschnew war Staatschef der Sowjetunion zur Zeit des Kalten Kriegs.
International sei Russland als Wirtschaftsstandort unattraktiv: Die Löhne seien verhältnismäßig hoch und die Produktivität niedrig – ganz unabhängig von der außenpolitischen Krise. "Russland befindet sich wieder auf einem neosowjetischem Entwicklungspfad", sagt der Ökonomieprofessor. Die Politik setze keinerlei Anreize, unter Wladimir Putin gebe es keine Strukturreformen. "Eine Diversifizierung der Wirtschaft findet nicht statt", sagt Zweynert. "Russland hängt wie ein Junkie an der Öl-Nadel."  

Kaum überraschend, dass nun Erinnerungen an das Krisenjahr 1998 wach werden: Unter Präsident Boris Jelzin hatte Russland mit einer massiven Kapitalflucht zu kämpfen. An den Finanzmärkten brach Panik aus, Russen plünderten ihre Bankkonten. Moskau musste sich letztlich sogar für zahlungsunfähig erklären und konnte seine Auslandskredite nicht mehr bedienen. Aber ist die Lage tatsächlich vergleichbar? Hellmeyer von der Bremer Landesbank glaubt das nicht. "Russland steht heute viel besser da." Die Staatsverschuldung betrage lediglich 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Die Regierung in Moskau hat genug Mittel, um die Krise abzufedern."

Trotzdem bleiben die Aussichten düster. Die russische Regierung schätzt selbst, dass Russland im kommenden Jahr in eine Rezession rutscht. Die russische Zentralbank rechnet bereits mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von bis zu 4,5 Prozent. Anfang 2015 könnte die Inflationsrate auf über elf Prozent steigen.

Die Strategie des russischen Präsidenten: neue Absatzmärkte und neue Investoren finden. Seit Monaten reist Wladimir Putin durch die Welt, auf der Suche nach Geldgebern und Kunden. Nach China will er sein Erdgas verkaufen, ebenfalls in die Türkei. Ob seine Roadshow erfolgreich ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. "Die Krise ist aus meiner Sicht nur ein temporäres Phänomen", glaubt Hellmeyer. Russlands Präsenz auf neuen Märkten wie Indien und China werde die Wirtschaft mittelfristig wieder stabilisieren.
Ganz anders dagegen Zweynerts Prognose: Russland werde in eine dauerhafte und tiefe Krise rutschen, glaubt er. Der Politikökonom beobachtet vor allem die Stimmung in der russischen Gesellschaft. Putin habe den Russen Wohlstand und Wachstum versprochen. "Die Mittelschicht des Landes hat an dieses Versprechen geglaubt und dafür auf politische Partizipation verzichtet." Jetzt aber könne Putin sein Versprechen nicht mehr halten. Deshalb könne die aktuell noch sehr hohe Zustimmung für den Präsidenten schnell kippen. Aufgrund der Sanktionen habe sich der Lebensstandard gerade der Menschen in den Metropolen bereits deutlich verschlechtert. "Entscheidend ist nicht die Lage auf den Land, sondern die Stimmung in den großen Städten wie Moskau und St. Petersburg", so Zweynert.